Presse 1999

SÜDWESTPRESSE
Herbst 1999

THENEZAY/ ST. JOHANN

Nach langern Buhlen fährt die Braut endlich zu ihrem Bräutigam, um ja zu sagen: Seit über fünf Jahren bestehen schon Kontakte zwischen St. Johann und Thénezay. Jetzt sind sie offiziell besiegelt. Die Hochzeit, auf die vor allem die Franzosen so lange gewartet haben, ist vollzogen. Der Bürgermeister der Gemeinde und der Präsident des Kantons sowie die beiden Vorsitzenden der Partnerschafts-Komitees haben die Urkunden unterzeichnet. Doch noch mehr als die Signatur von Eberhard Wolf, Marc Blais, Dr. Horst Roller und Laure Desforge, sagt die anschließende Umarmung der vier aus: Hier handelt es sich um eine Liebesheirat – und nicht nur um eine Partnerschaft auf dem Papier.Viele von denen, die sich zum ersten Mal nach Thénezay aufmachten, sind mit gemischten Gefühlen vergangenen Freitag Morgen in den Bus gestiegen. Was würde sie nach 16 Stunden Fahrt quer durch Frankreich in den Gastfamilien erwarten? Wie würde das mit der Verständigung, mit den verschiedenen Mentalitäten klappen? Vor allem imWürtinger Musikverein gab es einige Zweifler. Doch schon beim ersten Empfang wurden sie bekehrt: Die übersprühende Herzlichkeit der Familien nahm auch dem letzten die Angst vor dem Neuen. Mit Fahnen und Posaunen, mit Sekt und Lachshäppchen empfingen die Franzosen ihre Freunde.
Die Thénezayer legten sich für dieses Wochenende schwer ins Zeug: 100 Helfer, rund 70 Gastfamilien kümmerten sich um die 110 Gäste aus St. Johann, zu denen auch der Würtinger Musikverein gehörte. Zwei ausgefüllte Tage und lange Nächte erwarteten die Gäste. Ein Festmahl löste das andere ab – ob nun nach dem feierlichen Akt in der Festhalle, umAbschluss im Schloss Roche-Faton oder zuhause bei den Gastfamilien.
Damit brachten die Franzosen selbst diejenigen, die schon öfters in Thénezay waren (und diese fürsorgliche Gastfreundschaft bereits kannten) noch zum Staunen. Allein schon der offizielle Jumelage-Akt: Vor dem Festumzug mit den beiden Musikkapellen der Partnergemeinden und die St. Johanner Trachtengruppen liesen Kinder ein Meer von Luftballon mit den Landesfarben der beiden Nationen in den Himmel steigen. Ein Zeichen der wachsenden Freundschaft. Beim anschließenden Festakt stellten die Redner zwar fest, dass diese Beziehungen nicht immer so innig waren. Aber zum Thema machten sie die Vergangenheit nicht, sondern schauten statt dessen lieber in die Zukunft.
Horst Roller, Vorsitzender des Thénezayer-Freundeskreises in St. Johann, betonte, dass gerade wegen der Geschichte die Freundschaften zwischen Franzosen und Deutschen gepflegt werden müssten. „Denn gute persönliche Beziehungen sind Basis für gute staatliche Beziehungen“. Ein Satz, hinter dem auch Eberhard Wolf steht. Er sieht in der Partnerschaft „eine einzigartige Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken“. So entstehe Toleranz, die für eine friedvolle europäische Identität notwendig sei. Der St. Johanner Bürgermeister führt in diesem Fall fort, was sein Vorgänger Raimund Speidel (er war natürlich unter den Ehrengästen), schon jahrelang begleitete. Und da die Thönezayer wissen, welchen Freund sie auf dem Weg zur Jumelage in Raimund Speidel hatten, bekam er bei der Abschluss-Feier die Medaille des Departements von seinem Freund Hervé de Thalouet-Roy, Schloss-Besitzer und Landrat, überreicht.
Doch nicht nur die offiziellen Köpfe haben am vergangenen Wochenende ihre Freundschaften vertieft. Sogar die anfänglichen Skeptiker, die man zur Fahrt überreden musste, sind nach diesen Tagen Thénezay-Anhänger. Vergessen sind 1000 Kilometer Fahrt und jegliche Sprachbarrieren. Der Funke des „savoir vivre“ ist übergesprungen. Auch bei Ernst Munz, Ortsvorsteher in Lonsingen. Auf das Sprichwort „Die Deutschen leben, um zu arbeiten, und die Franzosen arbeiten, um zu leben“ lautet sein Kommentar: „Das lernen wir auch noch.‘

Die Jumelage
Die Thénezayer haben lange auf diesen Moment gewartet: Endlich ist die Freundschaft, die sie seit 1993 mit den St. Johannern pflegen, besiegelt: die Jumelage, die Partnerschaft ist unterzeichnet. Ncls längerer Suche hat der Kanton Thénezay in St. Johann einen Partner gefunden, der gut zu ihm passt: Beide Kommunen bestehen aus mehreren Teilgemeinden in Frankreich sind diese sogar hoch selbstständig und sind ländlich geprägt. Die Landwirtchaft hat bei beiden noch ihren Stellenwert. Nach anfänglicher Zurückhaltung haben sich die St. Johanner von der Jumelage überzeugen lassen. Allzu schwer fiel diese Entscheidung dann doch nicht: Denn in den Jahren haben viele Familien aus Thenezay und St. Johann – über alle Sprachbarrieren hinweg – Freundschaft geschlossen. Mehr über diese innige Beziehung, und warum es bis zur Hochzeit so lange gedauert hat, erfahren Sie am 5. November in unserem Samstagsthema.

ANNETTE BOTTLER
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GEA
Herbst 1999

Wenn aus Fremden Freunde werden

„Die Sprache des Herzens“ sprechen lassen: St. Johanner besiegelten Partnerschaft mit Thnezay in Frankreich

Thenezay/St. Johann. (GEA) Bei der Hinfahrt mischte sich noch Skepsis in erwartungsvolle Gesichter. In drei Bussen legten über 120 St. Johanner die rund 1 000 Kilometer zur Partnerschaftsfeier ins französische Thenezay zurück. Ein glanzvoller Empfang, rauschende Feste zur offiziellen Besiegelung der Partnerschaft und die Herzlichkeit der Gastfamilien ließen die letzten Zweifel schwinden: In Thenezay haben die St. Johanner Freunde gefunden.
Die Sprache des Herzens bedarf keiner Worte, wandte sich der Vorsitzende des Freundeskreises St. Johann – Thdnezay, Horst Roller, an all die Deutschen und Franzosen, denen die Sprache des Partners fremd ist und die deswegen ein bisschen Bedenken hatten, die vier Tage am Wochenende zu überstehen. Die Sorge war unbegründet: Wir haben hier Freunde mit großem und offenem Herzen gefunden, sagte Roller. Das war nicht nur leere Phrasendrescherei zur festlichen Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde: Franzosen und Deutsche tanzten, feierten, tranken und dinierten ein ganzes Wochenende ausgelassen miteinander.
Feierliche Momente bei der Fete de jumelage am Samstag: Wir führen nicht Staaten zu-
sammen, sondern Menschen, betonte St. Johanns Bürgermeister Eberhard Wolf mit einem Zitat von Jean Monnet, einem der Gründerväter der Europäischen Union, den Europa-Gedanken der Partnerschaft. Als wichtigen Wendepunkt und Baustein der Beziehungen unserer Länder bezeichnete Marcel Blais, als President de la communaute de communes eine Art Oberbürgermeister über die neun Teilgemeinden des Kantons Thenezay, die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, dass Deutschland und Frankreich getrennte Wege einschlagen können, unterstrich auch Herve de Talhouet-Roy, der als Landrat den Kanton Thnezay vertritt.
Laure Desforges, Vorsitzende des französischen Partnerschaftskomitees, wandte den Blick zurück auf die sechsjährige Vorgeschichte der Partnerschaft und bedankte sich beim ehemaligen St. Johanner Bürgermeister Raimund Speidel, der zum Festwochenende ebenfalls nach Thnezay gekommen war.
Für den Wegbereiter der Partnerschaft aus St. Johann gab es am Sonntag beim Fest für die Gastfamilien und ihre deutschen Gäste im Schloss der Familie du Dresnay eine Überraschung: Der Landrat überreichte ihm die Verdienstmedaille des Departements. Speidel war gerührt, die Franzosen applaudierten, und die St. Johanner Trachtengruppe tanzte, bis sich die letzten Gäste vom üppigen Büfett und vom Wein losreißen konnten.
Das gleiche Durchhaltevermögen bewiesen die Musikanten der Trachtenkapelle am Samstag: Angefeuert vom Applaus der Franzosen spielten sie, bis sich die Gastgeber spät in der Nacht daran machten, die „liebevollen Dekorationen in der Sporthalle abzuräumen. Die Musiker reisten schon am Sonntag Vormittag ab, für den Rest der Delegation gab es Gelegenheit, den Kanton zu erkunden und sich bei einem Spaziergang im Wald des Landrats zu erholen.
Schön war‘s, aber viel zu kurz, zog Bleichstettens Orstvorsteher Ernst Holder sein Fazit aus der Reise. Vor lauter Essen und Feiern kamen die St. Johanner kaum dazu, die Gegend rund um ihre Partnergemeinde zu genießen. Eine Fahrt ans rund hundert Kilometer entfernte Meer, die den deutschen Gästen vergangenes Jahr besonders gefallen hatte, war einfach nicht drin.
Seid fest überzeugt, dass der Ozean und auch wir nächstes Jahr noch da sein werden, vertröstete Laure Desforges die deutschen Partner. Die nahmen sich trotzdem bleibende Erinnerungen an die Partnerschaftsfeier mit. In den Bussen stapelte sich auf der Rückreise der Wein aus dem Poitou. Vielleicht ist davon ja noch was übrig, wenn die Franzosen am ersten Mai-Wochenende zum Gegenbesuch nach St. Johann kommen.

Christine Dreher

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